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Sich gönnen können – die Zukunft ist nicht planbar

von Tom

Wir Menschen leben gerne in Illusionen. Besonders in selbst erschaffenen, die uns die Gegenwart erträglicher und die Zukunft angstfreier gestalten. Das ist menschlich und in gewisser Weise sinnvoll, um den natürlichen Antrieb und Fokus nicht in Sorgen zu ersticken. Ein realistischer Blick auf den Lauf des Lebens gehört jedoch zu einer gesunden Selbstreflexion dazu – und wird in unserer heutigen Gesellschaft immer mehr unter den Tisch gekehrt. Verlieren wir den Blick fürs Ganze, weil wir uns zu sehr an der selbst definierten Wunsch-Zukunft festhalten? Leben wir in der Erwartung an etwas Zukünftiges an unserem eigentlichen Leben vorbei?

Ich denke ja.

Nein, auch dein Leben ist nicht planbar

Es ist naiv zu denken, wir hätten es in der Hand. Der Lauf des Lebens ist eine gigantisch große, mathematische Formel. Wir selbst sind nur eine einzige von vielen unbedeutenden Variablen, die das große Gesamte beeinflussen können. Und doch sehen wir uns größer, als wir sind – und denken wir können dem Schicksal ein Schnippchen schlagen. Durch kompromisslose Vorausplanung für alle Eventualitäten vorsorgen? Ich kann euch sagen: Das ist naiver Unfug. Die größte Erkenntnis ist es, sich seiner eigenen Kleinheit bewusst zu werden. Nicht wir planen unser Leben – wir planen um den Lauf des Schicksals herum und meinen irgendwann, es damit zu kontrollieren.

Ein komfortabler Irrglaube.

Sparen für die Zukunft? Vielleicht umsonst.

Altersvorsorge – ein Muss! Brav in die Rentenkasse einzahlen, Riestern, Gold kaufen, sich mehrfach ab- und versichern. Was gibt es wichtigeres, könnte man meinen, wenn man den mahnenden Phrasen der Gesellschaft lauscht. Norbert Blüm posaunte einst das bekannte Zitat heraus: „Die Rente ist sicher!“ Doch ist es auch sicher, dass du jemals davon profitieren kannst? 45 Jahre Rentenzahlung, Zusatzversicherungen und Wertgegenstände können in Bruchteilen von Sekunden ihre Bedeutung verlieren. Du gehst wegen belangloser Beschwerden zum Arzt und kommst mit einer Krebsdiagnose wieder nach Hause. In genau diesem Moment wirst du alles in Frage stellen, was dir zuvor jahrelang dein Leben diktiert hat. Stop, war es wirklich dein Leben? Hast du wirklich für dich gelebt oder doch eher für eine Zukunft, wie du sie dir in deinen Wunschvorstellungen zusammengezimmert hast?

Ich denke es ist letzteres.

Lebe im Moment und gestalte dein Leben JETZT

Erst nachdem wir alles verloren haben, haben wir die Freiheit, alles zu tun. (Fight Club)

Einige Tage nach dem Arztbesuch wirst du panisch überlegen, was du in deinem Leben alles noch nicht erlebt hast. Der Faktor Endlichkeit hatte in deinem Kartenhaus von schöngeredeten Illusionen nie einen Platz. „Ich bin ja erst 30, mein Opa wurde 90. Der Großteil meines Lebens liegt doch noch vor mir.“ Falsch. Jetzt fallen die Karten und die Illusion platzt wie eine Seifenblase. Nun ist die Zeit dein beschränkender Faktor – und dafür gibt es keine Versicherung. Erst jetzt wird dir bewusst, dass dein Leben nichts anderes war als ein hachdünner Faden eines Spinnennetzes, das im Wind wabert. Ein Windstoß genügt. Eine Spinne baut ihr Netz in wenigen Minuten wieder auf – doch das kannst du nun nicht mehr. Es passiert nicht immer nur den anderen. Es passiert überall. Mich selbst hat es bis heute nicht getroffen, doch zwei sehr wichtige Menschen in meinem Leben – solche Erlebnisse prägen für immer.

Gestalte dein Leben jetzt, denn genau in diesem Moment lebst du es. Vernarrt in Zukunftsgedanken, in Prokrastination und ewigen Erwartungen vergeben wir täglich Möglichkeiten, unser Leben schon heute zu dem zu machen, wie wir es uns erträumen. Wolltest du nicht schon immer ein schnelles Auto fahren? Nein, du fährst deinen alten Golf und legst brav Geld zur Seite, damit du dir „später mal einen schicken Wagen gönnen kannst“. Wer garantiert dir dein später? Was ist, wenn du nach jahrelangem Sparen auf dem Weg zum Autohaus bist, dich ein LKW übersieht und dein nächster fahrbarer Untersatz für den Rest deines Lebens ein Rollstuhl ist, den du mit deiner Zunge steuerst? Jetzt wärst du froh, wenn du schon früher mit einem schicken Sportwagen über die Alpenpässe gefahren und in diesem Moment einfach nur frei gewesen wärst.

Ich sage euch was es ist – das ist das Schicksal.

Hätte ich doch nur….

Hätte, hätte, Fahrradkette. Im Leben gibt es keine Gerechtigkeit. Das Leben straft dich nicht mit Absicht, das Leben nimmt schlichtweg seinen Lauf. Werde dir bewusst, dass du nur ein Spielball bist. Aber eines kannst du selbst beeinflussen – dein Leben zu gestalten, so lange du ohne große Einschränkungen Kontrolle darüber hast. Spare dich nicht kaputt, sondern gönn dir etwas. Erlebe etwas, was du schon immer erleben wolltest und verschiebe es nicht auf einen fiktiven Zukunftstermin. Niemand behauptet, dass du ohne Rücksicht auf Verluste konsumieren sollst. Die große Kunst ist es, den Spagat zwischen Gönnen und Vernunft zu schaffen. Fahr dein schnelles Auto, reise um die Welt, lache, liebe, erfülle dir erfüllbare Träume. Niemand sagt, dass es hier nur um finanziell teure Wünsche gehen muss – das größte Glück auf Erden ist nicht materiell. Und trotzdem macht ein BMW M2 auf dem Jaufenpass einen verdammten Spaß! Rauch einen Joint obwohl es verboten ist, bleib Sonntag mal im Bett obwohl die Hausarbeit ansteht. Warte nicht – wer wartet, vergibt Chancen.

Niemand von uns weiß, wie viele wir davon haben werden.

Negativ? Nein, realistisch.

Auch wenn dieser Artikel auf den ersten Blick negativ erscheinen mag, so ist er doch nur die Wahrheit. Doch Mensch hat so seine Probleme mit Wahrheiten – nein – mit unschönen Wahrheiten. Ausblenden statt Erkenntnis. Schönreden statt konfrontieren. In die Zukunft denken statt sich mit dem Jetzt zu beschäftigen. Wie kein ein anderes Lebewesen hat die menschliche Rasse die Gabe des Verdrängens über die Jahre hin perfektioniert. Die Menschheit lernt nicht aus Kriegen, die selben Fehler werden unentwegt aufs neue begangen.

Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten. (Albert Einstein)

Genauso bleibt der Irrglaube, man könne durch eine gefestigte Zukunftsplanung sein Leben vordefinieren. Wie ein Esel, der eine Karotte vor die Nase gebunden bekommt, wirst du ewig deinen Wünschen und Zielen hinterherlaufen. Irgendwann wird dir die Puste ausgehen – und das ohne Vorwarnung.

Das Ergebnis ist, dass du zwar viel gelaufen bist, die Karotte aber immer noch nicht zwischen den Zähnen hast. Wofür bist du so lange gelaufen? Ist im Leben wirklich der Weg das Ziel?

Denk mal darüber nach.

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